Eine Reise der Vernunft, des Glaubens und der Wahrheit

Ein Weg der Forschung von A bis Z

Eine logische, schrittweise Roadmap, um islamische Lehren mit Vernunft, Klarheit und Ziel zu verstehen.

Ursprung

Die göttliche Gerechtigkeit und das Böse: eine analytische Lesart über das Dasein, die Prüfung und die Entschädigung

Kurz gesagt

Das Dasein des Bösen macht Gott nicht ungerecht; denn das Böse ist zum größten Teil ein relativer Mangel oder das Ergebnis der Wahl des Menschen, und die göttliche Gerechtigkeit vollendet sich durch die Verpflichtung, die Weisheit und die jenseitige Entschädigung.

Einleitung

Das Problem des Bösen und die Beziehung zwischen dem Besitzer und dem Besessenen bleibt eines der tiefsten philosophischen und theologischen Dilemmata, denen der menschliche Verstand gegenüberstand; denn es ist unmittelbar mit der Befragung der kosmischen Ordnung, dem Begriff der Gerechtigkeit und dem Ziel des menschlichen Daseins verbunden. Dieser Artikel behandelt dieses Dilemma von seinen materiellen und metaphysischen Seiten, überblickt die kosmischen philosophischen Thesen und zerlegt die zeitgenössischen Einwände über die Taten der Ungerechten und die Schmerzen der Unschuldigen.


1. Das Problem des Bösen in der griechischen und westlichen Philosophie

Das Problem wurde im westlichen Denken als ein strenges „logisches Dilemma“ begründet, das der griechische Philosoph Epikur (341–270 v. Chr.) (Epicurus) in dem, was als „das Dilemma Epikurs“ bekannt wurde, formulierte und in der berühmten Doppelfrage eingrenzte: Wenn Gott allmächtig und allgütig ist, warum gibt es dann das Böse? Und die späteren westlichen und griechischen Erwiderungen teilten sich in Hauptrichtungen.

1. Die neuplatonische Schule

In seinem Werk „Die Enneaden“ legte der griechische Philosoph Plotin (etwa 204–270 n.Chr.) (Plotinus) seine berühmte These dar, dass das Böse eine privative Angelegenheit ist.

Der Gedanke besteht hier darin, dass das Böse kein seinsmäßiges Wesen ist, das für sich erschaffen wurde, sondern die Abwesenheit der dem Ding gebührenden Vollkommenheit oder des ihm gebührenden Lichts. Denn so wie die Finsternis keine eigenständige Substanz ist, sondern die Abwesenheit des Lichts, so ist das Böse die Abwesenheit des Guten oder sein Mangel.

2. Die Philosophie des Optimismus und die göttliche Gerechtigkeit

In seiner berühmten These „Abhandlungen über die göttliche Gerechtigkeit“ (Theodizee) formte der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716 n.Chr.) (Gottfried Leibniz) die Theorie der „besten aller möglichen Welten“.

Leibniz argumentierte, dass Gott mit Seinem allumfassenden Wissen aus unendlich vielen möglichen Welten gerade diese Welt wählte, weil sie die Welt ist, in der sich die Naturgesetze und die menschliche Willensfreiheit mit höchster Effizienz ausbalancieren. Und das Vorhandensein einiger Übel und Schwierigkeiten in ihr ist eine seinsmäßige und strukturelle Notwendigkeit, um zu einem größeren Guten zu gelangen, das in einer völlig herausforderungsfreien Welt nicht verwirklicht werden kann.

3. Die materialistische und kritische Richtung

Auf der anderen Seite vertraten Philosophen wie der Schotte David Hume (1711–1776 n.Chr.) (David Hume) in seinem Buch „Dialoge über natürliche Religion“ und der zeitgenössische John Leslie Mackie (1917–1981 n.Chr.) (J. L. Mackie) in seiner Schrift „Das Böse und die Allmacht“ eine scharfe Sicht, die das tatsächliche Vorhandensein der natürlichen Übel wie Erdbeben und Krankheiten und der sittlichen Übel wie der Ungerechtigkeit als logisch unvereinbar mit dem Gedanken eines Gottes mit absoluten Attributen betrachtet, wobei sie den Schmerz als Beweis für die Sinnlosigkeit der Natur oder die Abwesenheit des weisen Schöpfers nahmen.


2. Der Ansatz der muslimischen Philosophen

Die muslimischen Philosophen wie Ibn Sīnā (370–428 n.H. / 980–1037 n.Chr.) (Avicenna), al-Fārābī (260–339 n.H. / 872–950 n.Chr.) (Al-Farabi) und Mullā Sadrā (979–1050 n.H. / 1571–1640 n.Chr.) (Mulla Sadra) griffen diese Darlegung auf und vertieften sie durch die Werkzeuge der islamischen Metaphysik, indem sie das Böse analytisch in zwei Dimensionen teilten.

1. Das Böse an sich und das Böse durch Akzidenz

Das Böse an sich, oder das privative Böse, ist die Abwesenheit der der Natur des Dinges gebührenden Vollkommenheit, wie die Unwissenheit, die die Abwesenheit des Wissens ist, oder die Blindheit, die die Abwesenheit des Sehens ist. Und dies bedarf keines Bewirkers oder Schöpfers, weil das Nichtsein nicht erschaffen wird.

Das Böse durch Akzidenz aber, oder das relative Böse, ist die seinsmäßige Angelegenheit, die in sich selbst gut ist, aber beim gegenseitigen materiellen Zusammenstoß zu einem Schaden für ein anderes führt.

Ein Beispiel dafür ist die Schlange und das Gift: Das Gift ist in sich selbst ein Stoff des Fortbestehens für die Schlange und eine Waffe, mit der sie sich verteidigt, und es ist gut für sie und ein Teil ihrer seinsmäßigen Vollkommenheit. Doch wenn es sich mit dem Blut des Menschen vermischt, wird es zu einem Bösen durch Akzidenz, weil es zur Zerrüttung der Konstitution des menschlichen Körpers führt.

Und ein Beispiel dafür ist auch der Löwe und die Gazelle: Das Vorgehen des Löwen, die Gazelle zu jagen und zu zerreißen, stellt ein notwendiges seinsmäßiges Glied dar. Diese Tat ist ein relatives Böses in Bezug auf die Gazelle, weil sie ihr biologisches Leben beendet und ihr Schmerz zufügt, aber sie ist gut in Bezug auf den Löwen, weil sie das Mittel seines Fortbestehens und seiner Kraft ist, und gut für das allgemeine ökologische System, das die übermäßige Vermehrung der Pflanzenfresser verhindert – eine Vermehrung, die die Pflanzendecke zerstören und die Gazellen selbst durch Hunger sterben lassen könnte. Denn das Böse ist hier kein wesenhafter Grund, sondern das Erzeugnis des Widerstreits der Teilinteressen in der Welt der Materie.

2. Das Überwiegen des Guten über das Böse in der Welt der Materie

Im Buch „asch-Schifāʾ: al-Ilāhiyyāt“ (Die Heilung: Metaphysik) stellte Ibn Sīnā (Avicenna) den Grundsatz des kosmischen Gleichgewichts auf: Das Gute in der Welt der Materie ist das Grundprinzip und das Überwiegende, während die Übel und die Mängel selten und akzidentell sind; denn die Gesundheit ist die Regel und die Krankheit das Hinzukommende, und die Ordnung ist das Grundprinzip und die Erdbeben die Ausnahme.

Und demnach ist das Unterlassen der Erschaffung des vielen Guten, um das wenige Böse zu vermeiden, an sich ein vieles Böses, das der göttlichen Weisheit widerspricht.


3. Die ausführliche Darlegung der philosophischen Erwiderungen

Die Schule der Erhabenen Weisheit () bewirkte einen qualitativen Sprung bei der Zerlegung des Problems des Bösen, und die Bemühungen Mullā Sadrās (979–1050 n.H. / 1571–1640 n.Chr.) (Mulla Sadra), al-ʿAllāma at-Tabātabāʾīs (1321–1402 n.H. / 1904–1981 n.Chr.) (Allamah Tabataba’i) und asch-Schahīd Murtadā al-Mutahharīs (1338–1399 n.H. / 1920–1979 n.Chr.) (Murtada Mutahhari) ergänzten sich, um eine umfassende Lesart darzubieten, die das Dilemma aus seinem engen Teilhorizont in den Horizont des ganzheitlichen Seins überführt.

1. Die seinsmäßige Erwiderung und das Gesetz der Verwandlung bei Mullā Sadrā

Mullā Sadrā (Mulla Sadra) machte in seinem Buch „al-Asfār al-ʿaqliyya al-arbaʿa“ (Die vier geistigen Reisen) deutlich, dass diese Welt die Welt der Materie, der Bewegung und der Erneuerung ist und dass das Universum vom Gesetz der aufsteigenden Verwandlung zur Vervollkommnung der Materie vom Mangel zur Vollkommenheit über die Ränge des Seins beherrscht wird:

„Der Staub verwandelt sich in Pflanze, und die Pflanze verwandelt sich in Tier.“

Das Wort „verwandelt sich“ (yastahīlu) bedeutet hier die aufsteigende Verwandlung und Umwandlung. Denn der Staub, der ein empfindungsloses lebloses Ding ist, nimmt die Elemente auf, um sich auf Befehl Allahs in lebendige Zellen in einer Pflanze zu verwandeln, die wächst und sich ernährt. Dann kommt das Tier und frisst die Pflanze, sodass sie sich in seinem Verdauungssystem chemisch zersetzt und sich in Blut- und Nervenzellen verwandelt, die Empfindung, willentliche Bewegung, Schmerz und Lust besitzen.

Und damit der Staub sich in Pflanze verwandelt, muss er seine vorherige Form verlieren und sich zersetzen. Und damit die Pflanze sich in Tier verwandelt, muss sie gefressen und verdaut werden, was äußerlich als Böses erscheint. Also sind die Veränderung und der Tod in der Welt der Materie zwei grundlegende Bedingungen für die Geburt eines höheren Lebens; denn die niederen Wesen opfern ihr gegenwärtiges Dasein, um ein Teil höherer Wesen zu werden, und der Tod ist hier kein reines Nichts, sondern ein Tor der materiellen, seinsmäßigen Vervollkommnung.

2. Die Erwiderung der ganzheitlichen Sicht bei al-ʿAllāma at-Tabātabāʾī

Al-ʿAllāma at-Tabātabāʾī (Allamah Tabataba’i) legte in seinem Korankommentar „al-Mīzān fī tafsīr al-Qurʾān“ einen wichtigen philosophischen und quranischen Grundsatz dar: dass der Mensch in die Illusion des „Problems des Bösen“ verfällt, wenn er die Dinge aus einem engen Teilwinkel betrachtet und sie am Maßstab des vorübergehenden persönlichen Nutzens und der begrenzten Stelle misst, wobei er den organischen Zusammenhang der ganzheitlichen kosmischen Ordnung und das Interesse der Gesamtheit, das das Interesse des Teils übersteigt, außer Acht lässt.

In Anwendung dieses Grundsatzes kann man die Erdbeben und Vulkane betrachten. Denn der Mensch sieht sie als ein zerstörerisches Böses, weil sie die Häuser einreißen und in einem bestimmten geographischen Gebiet Leben beenden. Doch die ganzheitliche Lesart, die auf den Gesetzmäßigkeiten der Natur beruht, enthüllt, dass sie als geologisches Sicherheitsventil für die Erde wirken, denn sie lassen den gewaltigen, in ihrem Inneren eingeschlossenen Druck ab, bringen kostbare Mineralien und fruchtbaren vulkanischen Boden hervor und tragen zur Bildung der Geländeformen, der Inseln und des Festlands bei. Denn das Teil-Böse kann hier eine seinsmäßige Bedingung zur Bewahrung des größten ganzheitlichen Guten des planetarischen Systems sein.

3. Die erzieherische und vervollkommnende Erwiderung bei asch-Schahīd al-Mutahharī

In seinem philosophischen Buch „al-ʿAdl al-ilāhī“ (Die göttliche Gerechtigkeit) zerlegte asch-Schahīd Murtadā al-Mutahharī (Murtada Mutahhari) die seinsmäßige Funktion des Schmerzes und betrachtete die Mängel und die Unglücke als Antriebe der Vervollkommnung der Wesen.

Denn gäbe es nicht die Krankheit, so würde der Wert der Gesundheit nicht erkannt und die Medizin würde sich nicht entwickeln. Und gäbe es nicht die Unwissenheit, so würde sich der Mensch nicht zum Streben nach Wissen aufmachen. Und gäbe es nicht die Nöte, so erlöschen die menschlichen Kräfte, und die Geduld, der Mut und die Selbstlosigkeit träten nicht hervor. Die Unglücke sind in diesem Sinne ein Schmelztiegel für die Seele, der das menschliche Selbst schmilzt, um seine Schlacke herauszubringen und seinen reinen Kern zurückzubehalten.


4. Die Zerlegung der sittlichen Einwände

Hier erhebt sich der große Einwand: Wenn Gott gerecht und mächtig ist, warum verhindert Er dann nicht die Kriege, die Massaker, das Unrecht der Tyrannen und die Tötung unschuldiger Kinder? Das schiitische philosophische und theologische Denken zerlegt dieses Dilemma über ineinandergreifende Regeln.

1. Die Waage der sittlichen Verantwortung

Es muss philosophisch und glaubensmäßig zwischen der schöpferischen Gabe und der gesetzgebenden Verpflichtung unterschieden werden. Denn Allah verbot durch Seinen gesetzgebenden Willen das Unrecht entschieden und drohte den Tötenden die Strafe an. Durch Seinen schöpferischen Willen aber erschuf Er den Menschen und verlieh ihm den Grund der Fähigkeit und der Wahlfreiheit.

Diese verliehene Fähigkeit ist in sich selbst gut, doch der Mensch ist es, der sie durch seinen Mangel und seine schlechte Wahl zum Bösen, zum Unrecht und zu den Kriegen lenkt. Denn der Tötende und der Ungerechte ist der unmittelbare Täter des Verbrechens durch seine Freiheit, und der Bezug der abscheulichen Tat geht auf ihn durch seine Wahl zurück, nicht auf Allah, den Gesegneten und Erhabenen.

2. Die Philosophie des Nichteingreifens im Augenblick

Manche fordern ein fortwährendes göttliches Eingreifen, um die Hand des Ungerechten mit überwältigender Kraft vor dem Eintreten des Verbrechens anzuhalten. Und die philosophische Erwiderung ist hier, dass das unmittelbare wunderbare göttliche Eingreifen zur Verhinderung jedes sittlichen Bösen die völlige Aufhebung des freien Willens und die Nichtigkeit der Prüfung bedeutet.

Wenn der Ungerechte wüsste, dass seine Hand schöpferisch und zwingend gelähmt würde, sobald er an das Unrecht denkt, so wäre die Wahl aufgehoben, und er verwandelte sich in einen durch Zwang und Nötigung Gehorsamen. Und mit der Nichtigkeit der Wahl entfällt die göttliche Verpflichtung, und das Ziel der Erschaffung des Menschen als eines durch Verstand und Freiheit ausgezeichneten Wesens wird nichtig, und das Paradies und die Hölle sowie der Lohn und die Strafe werden bedeutungslos in Bezug auf zwangsweise gelenkte Wesen.

3. Das gnadenvolle Eingreifen und der aufgeschobene Beistand

Das Nichteingreifen im Augenblick bedeutet keine Vernachlässigung; denn Allah greift gemäß bestimmten Gesetzmäßigkeiten ein.

Das Eingreifen zur Bewahrung des Grundes der Botschaft ist die Funktion des Wunders; denn Allah greift durch das Wunder ein, um die Naturgesetze zu brechen, wie das Machen des Feuers zur Kühlung und Unversehrtheit für Abraham oder das Spalten des Meeres für Moses, wenn das Schicksal der Tawhid-Botschaft als Weg der Rechtleitung für die Menschheit vom völligen Untergang bedroht ist. Das Wunder wird zur Bewahrung der Religion gewährt, nicht als absoluter persönlicher Schutz; deshalb wurden Zacharias und Johannes getötet und al-Husain (4–61 n.H. / 626–680 n.Chr.) () fiel als Märtyrer, weil der Grund der Botschaft und das Fortbestehen der Religion durch ihr Blut und ihre reinen menschlichen Opfer bewahrt wurde.

Und es gibt auch das Eingreifen des Aufschubs und der Vergeltung; Allah lässt den Ungerechten in seiner Auflehnung fortfahren, bis der Beweis gegen ihn vollständig aufgerichtet ist, und ergreift ihn dann im Diesseits durch den Sturz der Tyrannen und der Staaten oder im Jenseits durch die absolute Abrechnung.


5. Die Regel der Entschädigungen und die absolute Eigentümerschaft

Das schiitische glaubensmäßige Denken zeichnet sich, wie es bei asch-Schaich al-Mufīd (336–413 n.H. / 948–1022 n.Chr.) (Al-Shaykh al-Mufid) und al-Chwādscha Nasīr ad-Dīn at-Tūsī (597–672 n.H. / 1201–1274 n.Chr.) (Nasir al-Din al-Tusi) hervortritt, durch die Lösung des Dilemmas der Schmerzen der Unschuldigen und der Kinder über zwei rationale Achsen aus.

1. Die Regel der Entschädigungen

Das Kind, das in einem Krieg getötet wird, oder der Unterdrückte, der unter der Wucht der Folter stirbt, ohne im Diesseits Beistand zu erlangen – die weise göttliche Gerechtigkeit gebietet, es im Jenseits gewaltig zu entschädigen, mit dauerhafter Wonne und umfassender Würde, die alle Schmerzen des vergänglichen Diesseits aufwiegen.

Diese Entschädigung ist keine bloße Gunst, sondern ein gerechtigkeitsbezogenes Recht, mit dem der Schöpfer die Mängel ausgleicht, die dem Diener im materiellen Haus der Prüfung widerfuhren.

2. Die Wirklichkeit der Eigentümerschaft und die Verneinung eines vorausgehenden Anspruchs

Der Ursprung des menschlichen Einwands geht zuweilen von einer inneren Illusion aus, in der der Mensch empfindet, dass er sein Leben oder seine Kinder in eigenständiger Eigentümerschaft besitzt. Doch die philosophische Wahrheit bestätigt, dass die schöpferische Eigentümerschaft Allah allein gehört; denn der Diener und was er besitzt, ist Eigentum des Herrn.

Der Mensch entstand aus dem Nichts, und die Gnadengaben bei ihm sind zurückzufordernde Anvertraute. Und die Verfügung des weisen Besitzers über sein eigenes Eigentum durch Rückforderung oder Minderung wird in der Logik der Vernunft nicht Ungerechtigkeit genannt, sondern weise Lenkung, zumal wenn sie von der vollständigeren jenseitigen Entschädigung gefolgt wird.


6. Das Problem des Bösen und der Gerechtigkeit im unfehlbaren Text

Die vorangehende rationale, philosophische Sicht stimmt mit den quranischen Texten und den Überlieferungen überein und ergänzt sich mit ihnen.

1. Im edlen Quran

Der Quran legt die Prüfung als ein kosmisches Gesetz dar:

„und Wir prüfen euch mit Schlechtem und Gutem als Versuchung. Und zu Uns werdet ihr zurückgebracht.“ (Sure al-Anbiyāʾ: 35)

Und er verneint die Ungerechtigkeit von Allah und schreibt das Verderben dem Erwerb der Menschen zu:

„Gewiss, Allah tut nicht einmal im Gewicht eines Stäubchens Unrecht.“ (Sure an-Nisāʾ: 40)

„Unheil ist auf dem Festland und im Meer erschienen wegen dessen, was die Hände der Menschen erworben haben.“ (Sure ar-Rūm: 41)

Auch stellt er fest, dass der Aufschub der Strafe keine Achtlosigkeit ist, sondern ein Aufschub aus Weisheit:

„Und meine ja nicht, dass Allah unachtsam sei gegenüber dem, was die Ungerechten tun. Er stellt sie nur zurück bis zu einem Tag, an dem die Blicke starr werden.“ (Sure Ibrāhīm: 42)

2. In der prophetischen Sunna und der Schule der Ahl al-Bayt

Vom Propheten ist überliefert:

„Die am schwersten geprüften Menschen sind die Propheten, dann die Vorbildlichsten, dann die (ihnen) Nächsten …“

Und darin liegt eine Verknüpfung zwischen der Prüfung und der Vollkommenheit.

Und der Befehlshaber der Gläubigen ʿAlī ibn Abī Tālib (23 v.H.–40 n.H. / 599–661 n.Chr.) () sagte in einem umfassenden Wort aus dem Nahdsch al-Balāgha:

„Der Tawhid ist, dass du Ihn dir nicht (in der Vorstellung) einbildest, und die Gerechtigkeit ist, dass du Ihn nicht beschuldigst.“

Und der Imam as-Sādiq (83–148 n.H. / 702–765 n.Chr.) () stellt in seinem Vermächtnis an ʿUnwān al-Basrī die Regel der Verneinung der eigenständigen Eigentümerschaft auf:

„Dass der Diener sich in Bezug auf das, was Allah ihm anvertraut hat, keine Eigentümerschaft zuschreibt, weil die Diener kein Eigentum haben … Und wenn der Diener die Lenkung seiner selbst seinem Lenker überantwortet, werden ihm die Unglücke des Diesseits leicht.“

Und dieses Gefüge tritt zutage im Wort der Herrin Zainab bint ʿAlī (5–62 n.H. / 626–682 n.Chr.) () in Kufa, als Ibn Ziyād (28–67 n.H. / 648–686 n.Chr.) sie schmähend fragte: „Wie hast du das Handeln Allahs an deinem Bruder gesehen?“, worauf sie mit der Gewissheit und Tiefe des Tawhid antwortete:

„Ich habe nichts als Schönes gesehen. Dies sind Leute, denen Allah die Tötung vorgeschrieben hat, und so traten sie hinaus zu ihren Ruhestätten; und Allah wird zwischen dir und ihnen zusammenführen, sodass du zur Rechenschaft gezogen und angeklagt wirst.“

Sie () unterschied zwischen der Abscheulichkeit des menschlichen Verbrechens, das vom Ungerechten aus Wahl ausging, und der Schönheit der göttlichen Tat, die die Gottesfreunde schmolz und sie in den Rang des Martyriums und der Unsterblichkeit erhob und den vergänglichen diesseitigen Mangel durch die jenseitige Entschädigung ausglich.


Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Die Zerlegung des Problems des Bösen verdeutlicht einen entscheidenden Übergang von der engen materiellen, logischen Sackgasse, die das Dasein auf die Grenzen des diesseitigen Lebens beschränkt, zum umfassenden, auf dem Tawhid beruhenden seinsmäßigen Gefüge.

In der von der Schule der Erhabenen Weisheit beeinflussten schiitischen Sicht ergänzt sich der Begriff der göttlichen Gerechtigkeit mit der Wirklichkeit der absoluten Eigentümerschaft des Schöpfers, der menschlichen Wahlfreiheit, deren Wahrung das fortwährende zwingende Nichteingreifen erfordert, und dem Gesetz der jenseitigen Entschädigungen; sodass der Schmerz, die Prüfung und das akzidentelle Böse zu einem Werkzeug der Unterscheidung, des Schmelzens und der sittlichen Vervollkommnung werden, in einer kosmischen Ordnung, in der der endgültige Sieg dem Guten und der absoluten Schönheit vorgeschrieben ist.

Das Böse ist kein eigenständiger Grund im Sein, sondern tritt zumeist aus einem Mangel, einem Widerstreit oder einer schlechten menschlichen Wahl hervor, innerhalb einer Ordnung, in der das Gute überwiegt.